Dankbarkeit

Wie oft kommen einem Floskeln über die Lippen wie „Ich bin so dankbar“. Es ist eine Tatsache, dass wir alle behaupten dankbar zu sein, aber sind wir das wirklich? Wenn wir doch so dankbar sind, wieso wollen wir dann immer mehr? Wieso ist genug niemals wirklich genug? Die Antwort ist einfach, weil wir nunmal nicht wirklich dankbar sind. Es sind nur Worte, die unseren Körper verlassen, aber unser Geist hat Dankbarkeit nicht verinnerlicht.

Jeden Abend sehen wir in den Nachrichten Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen ihre Heimat verlassen müssen und die schlimmsten Hürden überwinden, um nach einem besseren Leben zu streben. Wir sehen, wie Menschen unter Kriegen und Hunger leiden. Menschen, die grausame Schicksale erleiden müssen und das Tag für Tag. Menschen, die mit Behinderungen auf die Welt kommen oder durch einen Unfall zu Beeinträchtigten werden. Menschen, die in jungen Jahren an unheilbaren Krankheiten leiden und höchstwahrscheinlich kein hohes Alter erreichen werden. Was würden all diese Menschen alles geben, um mit uns tauschen zu können. All das sehen wir und doch sind wir, um es direkt zu sagen, undankbar. Ich muss gestehen, ich nehme mich da nicht raus.

Wir haben in der Stadt, wo ich herkomme, einen Mann, der läuft immer mit zwei Sporttaschen von A nach B. Es ist eine Person, die obdachlos ist. Ich würde den Mann auf Mitte Ende vierzig schätzen. Der Mann sieht nicht wie ein Obdachloser im stereotypischen Sinne aus, doch erkennt man schnell, dass er nicht ein geregeltes Leben wie wir alle hat. Er trägt sein Hab und Gut immer mit sich rum, da er wohl regelmäßig je nach Wetter und Situation seinen Schlafplatz ändert bzw. ändern muss. Ich habe diesen Mann ein paar mal versucht zu grüßen, allerdings nimmt er einen gar nicht mehr wahr. Wahrscheinlich hat er sich so daran gewöhnt, dass Menschen ihn ignorieren oder nicht als einen Teil der Gesellschaft sehen, dass er sich selbst nicht mehr als Teil sieht und somit auch alles um sich rum ausblendet. Ich nehme an, somit ist es auch leichter für ihn.

Letztens habe ich wieder die Nachrichten eingeschaltet und selbstverständlich wurde wieder über Flüchtlinge berichtet. Diesmal geht es um Flüchtlinge, die an der polnischen Grenze kampieren, weil ihnen der Weg versperrt wird. Es ist im Grunde so traurig, dass ich mich zu Beginn einfach so von den Nachrichten berieseln lassen habe ohne einen Hauch von Empathie. Wie soll man auch emphatisch reagieren, wenn man seit Jahren regelrecht von solchen Bildern bombardiert wird und man regelrecht abstumpft. Selbst Kinder, die abgemagert am offenen Feuer sitzen, werden nicht mehr bewusst, sondern nur als Statisten wahrgenommen. Einfach nur traurig.

Wieso erzähle ich das alles. Mit all diesen Schicksalen hat man nichts gemein. Es ist wie eine Parallelwelt, die zwar da ist, aber doch einem nicht greifbar erscheint. Als würde diese verfliegen, wenn man versuchen will, diese zu berühren. Doch was ist passiert, dass ich auf einmal darüber schreibe und tatsächlich das erste mal ernsthaft Dankbarkeit für mein Leben empfinde. Es klingt schon fast zu einfach, wie mich das Leben Dankbarkeit gelehrt hat.

Wir sind derzeit mitten im Herbst und die Nächte werden kälter. Letztens hatten wir bereits minus drei Grad in unserer Stadt. Ich stand abends auf dem Balkon und war nicht wirklich fest angezogen und es ist mir ein kalter Schauer durch den ganzen Körper gejagt. Die Kälte war überall zu spüren,  man konnte die Luft schneiden, so kalt war es gefühlt. In diesem Moment musste ich an den Mann mit den zwei Koffern denken. Ich musste daran denken, wo er wohl sein Lager aufgeschlagen hat. Welcher Platz ihn wohl bei dieser Kälte gerade so wärmen kann, dass er diese kalte Nacht überlebt. Mein nächster Gedanke war, was würde er tun, wenn der Winter einbricht und es sogar noch viel kälter wird? Wie hat er das all die Jahre geschafft. Während ich mir diese Gedanken machte, wurde es mir schon zu kalt und ich bin wieder in die warme Wohnung eingetreten. Keine vier Minuten habe ich es in der Kälte ausgehalten. Vier Minuten und ich bin wieder in mein für mich selbstverständliches Leben geflüchtet.

Ein paar Tage später sah ich wieder Nachrichten. Wieder wurden Bilder von den Flüchtlingen gezeigt und deren aussichtslose Lage. Ganze Familien und ihre kleinen Kinder haben sich um ein kleines Lagerfeuer gesammelt und versucht sich bei der Eiseskälte zu wärmen. Nicht zu erfrieren, ist die treffendere Formulierung. Da ging mir wieder dieser kalte Schauer durch den Körper. Ich musste wieder an die vier Minuten denken, die ich durchgehalten habe. Diese Menschen sind seit Wochen an der Grenze ohne ein Dach über dem Kopf. Und zum ersten mal wurde mir klar, was für ein Glück ich habe, denn ich hätte der Mann, die Frau oder das Kind an dieser polnischen Grenze sein können. Ich könnte auch der Mann mit den zwei Sporttaschen sein. Auf einmal war nichts mehr selbstverständlich. Was zum Teufel glaubte ich zu sein? Was unterscheidet mich von diesen Menschen? Was habe ich getan, um auf dieser Seite der Welt sein zu dürfen? Nichts war mehr wichtig und vor allem war nichts mehr selbstverständlich. Ich verspürte wohl das erste Mal in meinem Leben wahre und ehrliche Dankbarkeit. Dankbarkeit für meine Gesundheit. Dankbarkeit für meine finanzielle Unabhängigkeit. Dankbarkeit für meine Familie und Freunde. Dankbarkeit für meinen Job und die Aufgaben, die mich erfüllten. Dankbarkeit, mich entfalten zu können und die Möglichkeit zu besitzen mich auszuprobieren.

Wir alle reden von Dankbarkeit, aber sind es nicht. Wenn wir es wären, dann würden wir jeden Tag vor Freude Luftsprünge machen. Was wir aber tun ist, wir ärgern uns täglich über Dinge, die nicht von Belang sind. Wollen Dinge besitzen oder erwerben, die nicht von Dauer sind. Wir gönnen einander nichts und sind im Kampf mit uns selbst. Wir beklagen uns über Dinge, für die andere alles und noch viel mehr geben würden. Seitdem ich mir all dessen wirklich bewusst geworden bin, ändert sich mein Leben jeden Tag ein bisschen mehr und ich bin dankbar dafür. Ich nehme die Gaben, die ich erhalte, anders wahr und genieße diese auch anders. Ich bin genügsamer und hoffe, dass ich diese Dankbarkeit nie wieder verlieren werde.

Mein Hoffnung ist nicht, dass wir alle jetzt aufstehen und spenden oder auf die Straße gehen und für diese Ungerechtigkeiten protestieren oder ähnliches. Ich würde mich einfach nur freuen, wenn ich vielleicht den einen oder anderen auch dazu bewegen kann, diese Dankbarkeit zu spüren. Ich denke, alles andere kommt von selbst.

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Beste Grüße, Ihr Ümit Kocyigit

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3 Kommentare zu „Dankbarkeit

  1. Lieber Ümit,
    ich danke Gott jeden Abend für das, was gut war am Tag und für das, was die meisten Menschen als selbstverständlich betrachten. Auch für meine warme, geräumige Wohnung, angesichts vieler Menschen, die obdachlos sind. Dein Artikel hat mir gut gefallen. Ich war früher auch nicht so. Habe mich über vieles beschwert. Doch das ist seit einer Weile anders.
    Liebe Grüße
    Anudasa mit Froschi

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